Dieser Besuch war Neuland
Pfarrerinnen aus Indien waren zu Gast
Nach den ersten Tagen in Berlin, unter anderem auf den Spuren des Missionsgründers, reisten die Pfarrerinnen zu ihren jeweiligen Stationen weiter. Sie absolvierten jeweils fünf Tage Gemeindepraktikum: außer in Berlin, Westfalen und Ostfriesland auch in der Lippischen Landeskirche, nämlich in Lemgo und Lockhausen. So erfuhren sie vieles über das Gemeindeleben hierzulande, erlebten die Arbeit ihrer deutschen Kolleginnen mit und lernten ihr Selbstverständnis als Pfarrerinnen kennen.
Selbstverwaltete Adivasi-Gemeinschaft
Pfarrerin Jyoti Tabita Bilung war in der Gemeinde Lockhausen und ihre Kollegin Idan Topno in St. Nicolai in Lemgo. In ihrer Predigt zum Abschluss des Praktikums verglich Topno die Gütergemeinschaft der christlichen Urgemeinde (Apostelgeschichte 4,32-37) mit der selbstverwalteten Adivasi-Gemeinschaft in Indien, der sie angehört. „Adivasi“ bedeutet etwa „ursprüngliche Einwohner“ und ist eine frei gewählte Selbstbezeichnung indigener Völker im Gebiet des heutigen Indien. Waldgebiete, Weideflächen, natürliche Gewässer und Waldprodukte wie essbare Blätter, Blumen, Wurzeln, Brennholz gehören in der Adivasi-Gemeinschaft allen, berichtete Pfarrerin Topno. Eine Hochzeit mit Essen und Trinken werde vom ganzen Dorf getragen, die Gemeinschaft übernehme größere Aufgaben wie das Pflanzen von Reissetzlingen oder die Reparatur von Hausdächern.
Glaube wird praktisch
„Glaube ist niemals nur innerlich“, sagte sie: „Er ist ganzheitlich im weitesten Sinne. Er wird praktisch. Er nimmt Gestalt an. Er bekommt Hände und Füße.“ Und damit ging sie auf die Diskussion über Mission in Deutschland ein, auf die Kritik an Missionsarbeit, weil sie den Kulturen in verschiedenen Teilen der Welt Schaden zugefügt habe. Dagegen bekannte Idan Topno, die Missionsarbeit habe in hohem Maße zum Leben der Adivasi-Gemeinschaft beigetragen: „Ich bin eine lebendige Zeugin, die vor Ihnen steht, um zu sagen, dass, wenn die von Vater Gossner gesandten Missionare uns Adivasis nicht erreicht hätten, unsere Existenz in einem unermesslichen Elend ohne Hoffnung auf Heilung gewesen wäre.“ Missionare aus Deutschland hätten bei den Adivasi ein vom Geist inspiriertes Engagement für soziale Gerechtigkeit verkörpert.
Kampf um Gleichberechtigung
Die Idee zu dem Deutschlandbesuch war im vergangenen Herbst anlässlich der Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum der Frauenordination in der indischen Gossner Kirche entstanden. Zu der Reise kam es nicht ohne Widerstände. Zunächst hätten viele Kollegen den Feierlichkeiten im vergangenen Herbst skeptisch gegenübergestanden, sich dann aber von der Begeisterung der Frauen mitreißen lassen. „Eigentlich ist es nur den Männern aus der Kirchenleitung erlaubt, nach Deutschland zu reisen“, sagte eine der Pfarrerinnen kritisch. Das Besuchsprogramm sehen die Frauen als Teil ihres Jubiläums an.
Dass der Kampf um Gleichberechtigung in der Kirche weitergehen wird und zu Hause bald wieder Herausforderungen warten, das ist für die acht Pfarrerinnen keine Frage. Deshalb sind sie dankbar für die Möglichkeit. Für Pfarrerin Sosirita Kandulna bedeutet der Aufenthalt in Deutschland „Stärkung und Ermutigung für alle Frauen in unserer Kirche“.
Die Gossner Mission wirkt in der Tradition ihres Gründers Johannes Evangelista Goßner (1773–1858), der in Berlin die diakonische Arbeit mitbegründete und zugleich Missionare in die Welt sandte: Bauern und Handwerker, die die christliche Botschaft verkündeten, aber auch handfeste Hilfe brachten und für die Rechte der Armen stritten.
23.06.2026
